Copyright für alle Bilder und Texte: Paul Grote
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„Welschriesling steht richtig“, sagte Karola, die Bio-Winzerin der SIEBEN. „Er braucht Wärme - die Rebsorte reift spät - dazu mittelschweren, sandigen Boden und höhere Luftfeuchtigkeit, genau das finden wir hier am Neusiedler See. Da liegt aber auch die Crux – Feuchtigkeit heißt Mehltau, Oidium und Pernospora. Ob wir Befall bekommen, hängt vom Vorjahr ab, von der Anfälligkeit der Sorte, dann
von der Witterung …“

     
  „Die graue Farbe des Sees entsteht durch aufgewirbeltes tonhaltiges Sediment“, meinte Hansi, der Surflehrer. „Der Neu-siedler See ist ein Steppensee, stell ihn dir vor wie einen Suppenteller, in dem sich Regenwasser sammelt, 320 Quadratkilo-meter groß, 180 Quadratkilometer davon sind Schilf. Zum anderen sind Soda und Kochsalz im Wasser und noch andere Stoffe, aber du informierst dich besser in Illmitz, da sind die Laken, so was wie hier in klein …“
     
  „Ein Blender, was das ist? Einer, der so hell strahlt, dass du die Augen schließt und nichts anderes mehr sehen oder in unserem Fallmehr schmecken kannst. Einer, der vorgibt, was zu sein, was er nicht ist, der einen in die Irre führt. Wie man Blender macht? Das hängt von der Rebsorte ab, doch im Grunde gelten die gleichen Regeln: viel Sonne, moderate Erträge am Weinstock, Eichenspäne in den Gärtank. Man muss den Säurewert absenken …“
     
  Die Heimat des Blaufränkischen ist das Burgenland und besonders der Neusiedler See. Der rote Zweigelt ist eine 1922 von Dr. Zweigelt geschaffene Kreuzung aus Blaufränkisch und St. Laurent. Die eine Rebsorte hat Biss, die andere Körper, und bei niedrigen Erträgen wird daraus ein wunderbarer Wein. St. Laurent für sich allein ist eher saftig und hat wenig Tannin.
     
  Österreicher, Schweizer, Spanier, Holländer, Deutsche, Italiener – Carl Breitenbach sah die beiden Briten hier am Tisch vor sich, für die er die Ausführungen der Winzerin übersetzte. Genau so und nicht anders stellte er sich das Vereinte Europa vor – der Umgang mit dem Wein färbte auf die Menschen ab, die mit ihm arbeiteten. Es war ein sehr angenehmes Völkchen …
     
  Wem an seinem Beruf etwas lag, und das sollte man bei den Winzern, die heute im Schloss versammelt waren, voraussetzen, der übte seinen Beruf mit Hingabe aus. So jemand wollte ernst genommen werden, war stolz auf das, was er tat. Carl erinnerte sich an einen aufgeschnappten Satz: Es bedarf schon eines Dichters, um einen großen Wein zu machen! Bauern waren das, Bauern-Dichter.
     
  …Kalt und hart schimmerten die Tanks aus Edelstahl. Bei einem von ihnen stand die untere Klappe offen, durch die der Trester entfernt wurde: wie ein aufgerissener Mund, der etwas zu sagen hatte. Etwas war anders als vorhin, aber Carl verstand zu wenig von der Materie, um das genau beantworten zu können. Der Tank hat alles mit angesehen, dachte er, er hat Marias Todessturz gesehen, und er hat auch gesehen, wer ….
     
  Oft ist es nicht leicht, die Balance zwischen Tradition und Fortschritt zu bewahren, ohne sich aufzugeben. Das vergangene Jahrzehnt war das der großen Fortschritte. Bei fast allen internationalen Verkostungen gewinnen die Burgenländischen Gewächse verdient Medaillen. Mit Fragen der Technik gehen die Winzer unkompliziert um. Viele nutzen bereits Kunststoff- Glas- oder Schraubverschlüsse für ihren Wein..
     
  60.000 Gulden und 30.000 Liter Wein war den Rustern im Jahre 1681 der Rang einer königlichen Reichsstadt wert. Und seit Jahrhunderten lebt das Städtchen am südlichen Seeufer mit dem Wein in enger Verbindung. Viele bekannte und in der Weinwelt berühmte Winzerinnen und Winzer sind hier ansässig, wo auch die Österreichische Weinakademie angesiedelt ist. Das barocke Rust mit Storchennestern, Restaurants und Weinstuben liefert die romantisch-idyllische Kulisse für Heimatfilme, und es ist berühmt für seinen Ruster Ausbruch, eine besondere Variante von natursüßem, vollmundigem Wein.
     
  „Architektur als Teil des postkapitalistischen Unter-haltungsprogramms“, knurrte Gatow mit einem bösen Blick in die Runde. „Ich kann’s bald nicht mehr sehen.“
„Schlecht für Puristen, nicht wahr?“, meinte Carl und grinste.
„Die sollen vernünftige Weine machen“, erwiderte Gatow, „das ist alles.“
„Und was würdest du dann fotografieren?“
Gegenüber der geschwungenen Fensterfront standen Stehtische, an der Wand zog sich ein Tresen, sämtliche Barhocker, gestützt auf eine Art T-Träger, waren besetzt. Carl schaute aus dem Fenster auf ein nahegelegenes Weingut, dessen Besitzer weniger gut mit EG-Millionen hatte umgehen können ...
     
  Johanna blickte gegenüber auf die barocke Bergkirche, Engelsstatuen auf dem Geländer der Freitreppe und an den Aufgängen neben dem in Gelb und Weiß gehaltenen Kuppelbau. Er erinnerte sie wegen der ineinander greifenden Rundungen an russisch-orthodoxe Kirchen. In der Gruft war das Grab Joseph Haydns, das Mausoleum hatte ihm Paul V. Esterházy errichten lassen. Das Schloss und den Haydnsaal werde ich mir ansehen, dachte Johanna, egal mit welchen Frauen Carl da seine Verkostungen oder sonst was zelebriert hat.
     
  Der Hafen von Mörbisch ließ sich an den Tribünen und Beleuchtungstürmen der Seebühne bereits von weitem erkennen. Lehárs Grafen von Luxemburg spielte man den Sommer über. Operetten waren nicht Johannas Geschmack, diese Seite Österreichs war ihr fremd. Früher mal, in alten Zeit, da hatte sie den düsteren Dramatiker Thomas Bernhard gelesen - auf Carl Empfehlung hin - sie kannte das erschreckende Weltbild der Elfriede Jelinek und eines von Ernst Jandels wunderbaren Gedichten: manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein illtum!
     
  „Unterschätze den See nicht. Wenn Sturm aufkommt, wenn du weit vom Ufer bist und der Mast rutscht aus dem Fuß, einen Kilometer vom Ufer. Oder als Profi, wenn man gesponsert wird und davon lebt, so wie ich und eine Schule betreibt. Wir ersticken in Regeln … Unfallversicherung, Haftung und Aufsichtspflicht, Steuern, Auflagen, die Schüler stürzen sich ins Wasser wie die Lemminge, stell dir vor, einer ertrinkt…“
     
  Sie liebte es, im Trapez hängend mitgerissen zu werden, nahe dran, jede Haftung zur Oberfläche zu verlieren und sich in die Luft zu erheben, eins werden mit dem Wind; wenn nur der Instinkt noch zählte, da war auch ein Sturz ein Erlebnis. Sie hätte schreien können vor Begeisterung. Und auch das Kiten, hochgerissen von Schirmen, von denen heute viele um sie waren, die rasend schnell über den See flogen, an ihr vorbeipreschten, eine Gischtwolke hinter sich lassend - was für ein Kick …
     
 

„Den Verband Renommierte Weingüter Burgenland gibt’s seit zehn Jahren. Dann ist da noch’n Verein, Ganz in Weiß, denen geht’s um Weißweine, nicht ums Heiraten.“ Hansi gluckste, schlürfte seinen Kaffee und dachte nach. „Den Cercle Ruster Ausbruch haben wir noch. Auch gemischt, Frauen und Männer, da sind nur Winzer aus Rust dabei, die machen Süßwein. Es gibt unendlich viele Winzer, man muss heuer ziemlich hoch springen, damit man auffällt.

     
  Das pannonische Grenzland ist seit der Römerzeit Weinanbaugebiet. Es waren immer die kleinen Familienbetriebe, die den sozialen Charakter dieser weiten und flachen Landschaft prägten. Erbteilung hat das Land einst zerstückelt, hier einige Rebzeilen Welschriesling, dort ein wenig Chardonnay – doch als Nebenerwerbsbetrieb ist Weinbau nicht mehr rentabel. So werden Weingärten zusammengelegt, gekauft oder gepachtet, ein wenig St. Laurent vom Onkel, Muskateller von der Cousine …
     
  Wein muss kämpfen, damit er gut wird, heißt es. Aber zu viel Kampf, und besonders der ums Wasser, bedeutet Stress für den Weinstock. Deshalb ist die geschickte Bewässerung eine Kunst, denn ein Zuviel an Wasser verwässert den Extrakt und bläht die Weinbeeren auf. Bei zuwenig holt sich die Pflanze das Wasser aus den Beeren zurück und lässt sie verkümmern.
     
  Botrytis cinera sieht hässlich aus, aber das Resultat kann wundervoll sein. Tritt die Edelfäule im Frühjahr oder Sommer auf, befällt der Pilz die Beeren oder Stile, ist der Schaden immens. Setzt er sich jedoch im warmen sonnigen Herbst auf ausgereifte Beeren, wie am Ostufer des Sees, dann entzieht er ihnen Säuren und durchlöchert die Beerenhaut, das Wasser verdunstet, Zucker und Extrakt bleiben und bieten den Grundstoff für phantastische Süßweine.
     
  Ob er die Unterschiede auch beim Süßwein schmecken würde?, fragte sich Carl Wenn er sie direkt nacheinander probieren und sie vergleichen könnte, dann ja.
Links stand als erstes eine Cuvée, eine Beerenauslese, in der Welschriesling mit Chardonnay verbunden war: sehr fein und sehr fruchtig. Bei der Beerenauslese des Sämlings, einem eher frischen Wein, schmeckte er deutlich das Aroma von Mirabelle. Dann kam ein Eiswein, wieder ein Welschriesling, aber ganz anders …
     
  Außerdem mochte er die Winzer, ihre Art war ihm angenehm – es waren Bauern und Künstler, Handwerker und Visionäre, Lokalpatrioten und Kosmopoliten, sie waren grob und hatten ein feines Gespür, sie verfügten über Weitblick …und sie waren präsent, anwesend, genau hier, in diesem Moment. Und solche, die der Erfolg arrogant und reich gemacht hatte, waren ihm bislang nicht begegnet.
     
  Es war die Reise an den Neusiedler See und zu den Winzern wert, sie währte ein ganzes Jahr, und sie geht weiter …